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Bill Kaulitz: Career Suicide.

Details:
Seitenzahl: 384 Seiten
Verlag: Ullstein
Erschienen: 1. Februar 2021

Inhalt:
Als Gesicht der Band Tokio Hotel wurde Bill Kaulitz für sein exzentrisches Auftreten geliebt, belächelt, bewundert und gehasst wie kein Zweiter. Fans verehrten seinen androgynen Style, die Presse reagierte mit Ratlosigkeit und Spekulationen über seine sexuelle Identität. Als der Rummel um die eigene Person gefährliche Ausmaße annahm, floh Bill mit seinem Zwillingsbruder Tom nach Los Angeles.

Von dort blickt er auf die ersten dreißig Jahre seines Lebens zurück. Aufgewachsen in der Nähe von Magdeburg, war Bill Anfeindungen und Unverständnis gewohnt, ließ sich aber nie beirren und verfolgte konsequent seine künstlerischen Visionen und seinen Traum eines Lebens abseits von provinzieller Enge. Zum ersten Mal erzählt er hier offen von seiner Kindheit im Nirgendwo, von Tokio Hotels überwältigendem Erfolg, aber auch von Eskapaden, Einsamkeit und der besonderen Beziehung zu seinem Bruder Tom.

Meine Meinung:
Bill Kaulitz ist eine … ich will sagen schillernde Persönlichkeit, die seit meiner Jugend recht präsent in der Medienlandschaft ist. Es ist spannend, seine Entwicklung in den letzten Jahren mitzuerleben – zumindest den Teil, den die Öffentlichkeit zu sehen bekommt – und ich war wirklich neugierig darauf zu erfahren, wie es sich wohl lebt als Teenager, der plötzlich zum Idol und Schwarm für eine ganze Generation wird. So etwas erleben die allerwenigsten, weshalb ich es spannend finde, aus persönlicher Erfahrung einer betroffenen Person darüber zu lesen. Ich selbst war ehrlich gesagt nie Fan der Band, aber das Leben als Teenie-Idol und Weltstar in so jungen Jahren hat mich wie gesagt einfach interessiert.

Tja, ich bin mir nicht sicher, was genau ich erwartet habe, aber DAS war es sicher nicht. Bevor ich überhaupt zu dem Teil von Bill Kaulitz Biografie gekommen bin, in der es um die Berühmtheit und Massen an Fans geht, war ich bereits so schockiert und sehr negativ überrascht, dass ich ehrlicherweise kaum noch Lust hatte, überhaupt weiterzulesen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was Bill mit diesem Buch erreichen will, außer vielleicht den Namen zum Programm machen und seiner Karriere den Todesstoß zu versetzen.

Der Sänger von Tokio Hotel war schon immer anders, ist aus der Masse herausgestochen und wurde deshalb angefeindet von vielen Seiten. Das hat man in der Öffentlichkeit ja bereits mitbekommen, aber dieses Muster zieht sich schon durch seine Kindheit wie ein roter Faden. Für mich stand Bill eigentlich immer dafür, dass man dazu stehen soll, wer man ist – egal, wie man aussieht oder was man mag. Dass Anderssein etwas Gutes sein und man das selbstbewusst präsentieren kann. Nach dem Lesen seines Buchs sehe ich das allerdings komplett anders.
Wie kann es sein, dass jemand, der selbst immer anders war, so über Menschen redet? Diskriminerend, herablassend, frauenverachtend und teils rassistisch? Es war schockierend wie abwertend, gemein und bösartig Bill über fast alle Menschen spricht, die er in seinem Leben getroffen hat. Er schärt alle aus seinem Heimatort über einen Kamm, differenziert eigentlich nie und macht sehr deutlich, dass er sich immer für etwas Besseres als alle anderen gehalten hat. Ich verstehe, dass aus der Ablehnung und dem Hass, der ihm teilweise entgegengeschlagen ist, vielleicht so etwas wie Verbitterung gegenüber dieser Personen entstanden ist – aber gibt einem das das Recht, SO über sämtliche Menschen zu sprechen?! Ich denke doch nicht. Vor allem nicht, wenn man eine Biografie veröffentlicht und als Person der Öffentlichkeit eine nicht zu verachtende Vorbildfunktion hat.

Neben diesem schockierend diskriminerenden und verachtendem Verhalten, finde ich die Ausdrucksweise, die hier verwendet wird, ebenfalls schrecklich. Abwertende Begriffe für Frauen oder Körperteile und Worte aus der untersten Niveau Schublade werden hier verwendet als sei es das Normalste der Welt. Gleichzeitig wird aber immer wieder darauf hingewiesen, Bill sei nicht wie die „Asis“ (Zitat) aus seiner Nachbarschaft oder seiner Schule. Wie kann man so über andere sprechen? Wie kann man sich selbst als etwas so viel Besseres darstellen und gleichzeitig alles und jeden einfach nur herabwürdigen und verachten? Dass bei bestimmten Menschen, die einem Leid zugefügt haben, auch nicht so freundliche Worte fallen – verständlich. Aber ALLE über einen Kamm scheren?! Ich kann das einfach nicht verstehen – und will es auch gar nicht. Aber es lässt tief blicken und sorgt mit Sicherheit nicht dafür, dass Bill mehr Fans bekommt.

Ehrlichkeit ist wichtig und es ist völlig legitim über die offenbar deprimierende Kindheit zu sprechen. Ich möchte Bill auch zunächst nichts absprechen, da mir kein Recht zusteht zu beurteilen, was von seinen Erlebnissen wahr ist und was seiner sehr subjektiven Wahrnehmung oder gar künstlerischer Interpretation geschuldet ist. Ich frage mich dennoch, wie es möglich sein kann, dass man aus seinen frühen Jahren im Kindergarten und der Grunschule noch so viele Details weiß. Erlebnisse und Dialoge werden bis ins Detail wiedergegeben und zwar sehr viele. Ich habe noch niemals jemanden getroffen, der sich an eine solche Fülle von Dingen erinnern kann, die in dieser Altersspanne passiert sind. Und doch wird das hier als absolute Realität verkauft.

Ab der Hälfte des Buchs hat sich meiner Meinung nach dann etwas verändert. Die Abfälligkeiten waren nicht mehr ganz so präsent, dafür wurde vieles nur noch angerissen und kurz abgehandelt. Natürlich ist es interessant und für diese Biografie auch wichtig zu lesen wie die Karriere der Band mit den Produzenten und Managern ablief – aber mir hat hier etwas das Persönliche gefehlt. Generell wurde nicht mehr wirklich wirklich auf Liebe oder zwischenmenschliche Beziehungen eingegangen, was doch etwas schade war. Natürlich erwarte ich keine „schmutzigen“ Details oder gar Namen, aber man bekommt den Eindruck, als hätte das alles über weite Strecken keine Rolle mehr gespielt. Später im Buch wird rückblickend dann kurz etwas dazu eingeworfen – immer mal wieder kurz ein Kommentar. Aber mehr nicht. Das macht es schwierig, die Person hinter dem Buch wirklich zu fassen zu bekommen, sie zu verstehen. Wie gesagt, es geht hier nicht um irgendwelche Skandalgeschichten, aber wenn dieses Thema so extrem und zentral im Fokus steht in der ersten Hälfte des Buchs und in der zweiten so gar nicht mehr vorkommt beziehungsweise nur als kurze Erwähnung, passt das einfach nicht zusammen,

Das Beste am ganzen Buch waren ehrlich gesagt der Epilog und die Danksagung. Hier habe ich das erste Mal wirklich Liebe und etwas Positives gespürt, was ich in dem restlichen Buch komplett vermisst habe. Ich möchte natürlich keine toxische Positivität und wenn vieles sehr schwer im Leben war, soll man das klar benennen – aber wie das ausschließlich auf dem Rücken anderer Menschen passiert, die meistens ohne Unterscheidung über einen Kamm geschert und ganze Gruppen diskriminiert werden, kann ich das nicht gutheißen.

Ich denke, dass die Art und Weise wie Bill wahllos Menschen beleidigt, dem Buch und ihm keinen Gefallen getan hat. Ehrlichkeit ja – aber es gibt einen gewaltigen Unterschied dazwischen, seine Meinung zu äußern oder aber zu diskrimieren und zu beleidigen.

(Bild- und Textrechte liegen beim Verlag)


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